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16.11.2016 | Klima- und Umweltschutz

NRW hat den Kampf gegen den Klimawandel aufgenommen

Mobilitätswende, Wärmewende, Stromwende, Wege in den dekarbonisierten Industriestandort, energieeffizientere und damit emissionsärmere Produktionsprozesse in der Wirtschaft, Klimafolgenanpassung in Kommunen – der NRW-Klimakongress, zu dem heute (16. November 2016) die EnergieAgentur.NRW nach Wuppertal eingeladen hatte, zeigte, wie vielschichtig und zugleich international eine notwendige Klimawende sein muss. Der Kongress verdeutlichte auch, dass Klimawende wegen ihrer Komplexität am besten ganzheitlich gedacht werden sollte.

NRW-Klimaschutzminister Johannes Remmel zeigte vor den über 650 Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung in der Historischen Stadthalle Wuppertal Wege, Instrumente und Motivation auf, den Wandel zu einer klimagerechteren Gesellschaft aktiv mitzugestalten: „Der Klimawandel wird immer augenfälliger, immer dramatischer. Deshalb gilt es, jetzt weltweit zügig zu handeln – auch wir in NRW müssen als Energie- und Industrieland unserer Verantwortung nachkommen und unseren Teil zum Klimaschutz beitragen. Wir müssen viele Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft neu denken und gestalten.“ Es gelte nun vor allem, die Energiewende mit innovativen Lösungen zu managen und die verschiedenen Sektoren sinnvoll miteinander zu koppeln, sie kann nur gelingen, wenn der die Stromerzeugung intelligent mit den Bereichen Wärme und Verkehr verknüpft wird. „Beim Klimaschutz lässt sich heutzutage „global“ nicht mehr von „lokal“ trennen. Viele der Unternehmen in Nordrhein-Westfalen haben die Chancen bereits erkannt, die sich Ihnen durch Klimaschutz und Energiewende bieten. So steigerte sich der Umsatz in der Klima- und Umweltwirtschaft zwischen 2009 und 2012 um durchschnittlich 15,6 Prozent“, erklärte Minister Remmel zum Auftakt des Kongresses.

Dass sich die klimatischen Veränderungen zwangsläufig nicht bloß an der Quecksilbersäule ablesen lassen, darauf wies Prof. Claus Leggewie, Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen und seit 2008 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen hin, denn: Erderwärmung, Migrationsbewegungen und Krieg hängen zusammen. „Trotz erheblicher Widerstände und zahlreicher Rückschläge hat der Multilateralismus, dieses Zusammenwirken der Nationen auf internationaler Ebene, namentlich via UN-System, im Jahr 2015 für viele überraschend mit der Proklamation der SDGs ­– Sustainable Development Goals – und dem Pariser Abkommen zum globalen Klimaschutz eine bedeutsame gemeinsame Zielorientierung hervorgebracht, die zu Recht als historischer Erfolg eingestuft wird. Doch hängen Erfolg und Misserfolg der Klimapolitik an der Fähigkeit, die verschiedenen Aktionsebenen, hier also globale Leitplanken, den weltweiten Ratifikationsprozess und die entsprechenden Roadmaps – mit regionalen, nationalstaatlichen und lokalen Planungen zu verbinden und in Einklang zu bringen“, beschreibt Leggewie – 2016 Sander-Prize-Träger der Universität von New York – die nicht-technischen Herausforderungen der Gegenwart, die noch bis zum 18. November in Marrakesch bewältigt werden müssen.

Und auch um Abstimmung ging es in der Wuppertaler Stadthalle – konkret um die Abstimmung zwischen den Akteuren auf kommunaler Ebene und der Industrie. So stellte Prof. Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, fest: „Die Diskussion über die Umsetzung der Klimaschutzziele fokussiert sich heute häufig auf die Frage der Dekarbonisierung der Energiebereitstellung, respektive der Stromerzeugung. Die Debatte greift damit deutlich zu kurz!“ Notwendig sei für die Umsetzung der nationalen wie globalen Herausforderungen des Klimaschutzes nicht nur ein Blick auf eine Stromwende, sondern ebenso eine intensive Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Gestaltung einer Wärmewende, den Umsetzungsoptionen einer Verkehrswende und den Optionen für eine Dekarbonisierung der Industrie, so Fischedick. 

Die nordrhein-westfälische Industrie hat in den letzten Jahren nicht zuletzt aus Kostengründen in erheblichem Umfang Energieeffizienzpotentiale erschlossen und die bei der Produktion entstehenden Treibhausgasemissionen um mehr als ein Viertel gemindert. Energieeffizienz allein reiche aber nicht mehr. Fischedick: „Zukünftig wird es vermehrt darum gehen, ergänzende Klimaschutzoptionen zu erschließen. Möglichkeiten ergeben sich dabei durch eine Verbesserung der Emissionseffizienz, das heißt die Verringerung der Kohlenstoffintensität der eingesetzten Energieträger.“

Darüber hinaus berieten die Fachleute in der Wuppertaler Stadthalle über die Frage der Entwicklung von Low-Carbon-Technologien für die energieintensive Industrie – zum Beispiel die Stahlerzeugung durch Wasserstoffdirektreduktion oder elektrolytische Stahlerzeugung – verbunden mit den Fragen der Rahmenbedingungen für eine Umsetzung. Zudem verspricht eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Industriebranchen im Rahmen der Industriesymbiose – zum Beispiel bei der der CO2-Nutzung wie im Kooperationsprojekt „Carbon to Chem“, also der Nutzung des CO2 aus den Hüttengasen der Stahlindustrie als Ausgangsprodukte für die chemische Industrie, – eine weitere Erschließung von Treibhausgasminderungspotentialen.

Für Wirtschaft und Kommunen gleichermaßen relevant war das Thema künftiger Mobilitätsoptionen. Die Experten waren sich dabei einig, dass die Bereitstellung von strombasierten synthetischen Brenn- und Kraftstoffen sowohl ökonomische, als auch klimarelevante Vorteile berge. Beim so genannten Power-to-Liquid werden durch Strom aus erneuerbaren Energien Kraftstoffe wie Wasserstoff, synthetische Flüssigkraftstoffe oder Methan erzeugt. In Dresden steht beispielsweise eine Pilotanlage, in der aus Strom, Wasser und CO2 ein synthetischer Kraftstoff für Verbrennungsmotoren hergestellt wird.  

„Vor allem Kommunen, die wichtige Akteure im Klimaschutz darstellen, können hier Positiv-Zeichen setzen, indem sie Städte nicht als Verkehrsräume, sondern als Lebensräume begreifen und Strukturen für eine zukunftsfähige Mobilität schaffen. Dazu gehören ein leistungsfähiger öffentlicher Personennahverkehr und andere Konzepte, die das private Auto als Verkehrsmittel zunehmend ersetzen“, so Dr. Frank-Michael Baumann und Lothar Schneider, Geschäftsführer der EnergieAgentur.NRW unisono.

Nach dem Plenumsprogramm am Vormittag fanden am Nachmittag der jährliche Kommunalkongress und ein Unternehmenskongress statt. Im Rahmen des Kommunalkongresses wurden in Foren die Themen „Energieeffizienz in kommunalen Liegenschaften“ sowie „Klimaanpassung in Kommunen“ aufgegriffen. In den Foren des Unternehmenskongresses ging es um „Energieeffizienz durch Industrie 4.0“ und den „Weg vom Einzelkämpfer zum Energienetzwerk im Unternehmen“. Ein fünftes Forum – zur Mobilität der Zukunft – wurde für die Teilnehmer beider Nachmittagskongresse angeboten.

Während der Veranstaltung nahmen sich 13 Institutionen des Kongressthemas an und informieren auf einem „Markt der Möglichkeiten“ u.a. über Angebote, mit denen das Land NRW die Zielgruppen Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen und Kommunen dabei unterstützt, Klimaschutz und Klimaanpassung vor Ort und „von unten“ umzusetzen. Zu den Ausstellern gehörten das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das Deutsches Institut für Urbanistik – Service- und Kompetenzzentrum Kommunaler Klimaschutz, die Effizienz-Agentur NRW, die EnergieAgentur.NRW, EUROSOLAR e.V., die Handwerkskammer Düsseldorf, die KlimaExpo.NRW, die Kommunal Agentur NRW, das NRW-Klimaschutzministerium, die Neue Effizienz – Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz mbH, die NRW.BANK, ökobau.ruhr und die Verbraucherzentrale NRW.

Der Klimakongress ist in diesem Jahr gleichzeitig Auftaktveranstaltung der NRW-Klimaschutztage, die vom 16. bis 20. November stattfinden werden. Landesweit wird es 23 Informationsveranstaltungen geben.