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15.04.2015 | Klima- und Umweltschutz, Stadtplanung, Weiterbildung

Klimawandel: Europas Städte fordern Mitspracherecht beim internationalen Klimaschutz

Klimakiller Großstadt?! - Der Kampf gegen den globalen Klimawandel entscheidet sich vor allem in Großstädten. Sie sind für bis zu 80 Prozent des vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Ausstoßes in der Welt verantwortlich. Das belegen verschiedene Analysen, unter anderem eine Studie des Forschungsinstituts Economist Intelligence Unit . Damit stehen Städte vor der Herausforderung, nachhaltige Klimaschutzkonzepte umzusetzen, die unter anderem eine moderne Verkehrssteuerung, Energiesparmaßnahmen und effiziente Versorgungssysteme beinhalten. Wie sie mit dieser Verantwortung umgehen, ist unter anderem Thema der Klima-Bündnis Jahreskonferenz vom 22. bis 25. April 2015 in der sächsischen Landeshauptstadt.

Mittels hoher Ströme und einem Stromabnehmer auf dem Dach kann der 85 Kilowattstunden starke Lithium-Ionen-Akku innerhalb weniger Minuten nachgeladen werden. (Foto: Fraunhofer IVI)

Mitgliederkommunen fordern mehr Einfluss auf internationalen Klimaschutzprozess

Dresden ist als Mitglied des Klima-Bündnisses in einem internationalen Netzwerk eingebunden, dessen Mitglieder sich freiwillig verpflichtet haben, ehrgeizige Klimaschutzziele zu erreichen. Ziel ist, im Ergebnis der Dresdner Klimabündnis-Konferenz eine Resolution zu verabschieden, mit der die Klima-Bündnis-Mitglieder ihren Blick vor allem auf die nächste UN-Klimakonferenz in Paris Ende 2015 richten.

„Dabei steht eine klare Forderung gegenüber der EU und der internationalen Staatengemeinschaft im Vordergrund“, so Joachim Lorenz, Vorsitzender des Klima-Bündnis. „Für die Mitgliedskommunen des Klima-Bündnisses ist es enorm wichtig, dass die Anliegen und Potenziale der lokalen Ebene bei der Festlegung von globalen Klimazielen berücksichtigt werden. Dazu gehört auch, Kommunalvertreter in die Diskussion stärker einzubinden, denn am Ende werden die Maßnahmen vor Ort umgesetzt. In Paris müssen sich die Regierungschefs der Welt auch darüber einigen, welches Land wie viel Treibhausgase künftig vermeidet – und zu welchem Preis.“

Klima-Bündnis Jahreskonferenz in Dresden: Kommunen diskutieren Versorgungssicherheit

Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter europäischer Kommunen sowie nationaler Regierungen, EU-Institutionen und der Industrie treffen sich zu ihrer Mitgliederversammlung und Jahreskonferenz in Dresden. Mit dabei sind auch Vertreter der Amazonasregion, die durch den Erhalt des Regenwaldes einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die indigenen Völker sind die Bündnispartner der europäischen Städte, welche sich wiederum für deren Interessen einsetzen.

Unterstützt werden etwa Projekte zur nachhaltigen Ressourcennutzung oder zur Stärkung ihrer Organisationsstrukturen. Auf politischer Ebene setzt sich das Klima-Bündnis dafür ein, dass indigene Vertreter in internationale Prozesse (z. B. zu Klimawandel und Biodiversität) einbezogen werden. Gemeinsam diskutieren sie unter der Überschrift „Versorgungssicherheit vor Ort stärken“ über Möglichkeiten einer effizienten sowie klimafreundlichen Energieerzeugung und -nutzung auf lokaler Ebene. Die Veranstaltung steht gleichzeitig für 25 Jahre Klima-Bündnis, das rund 1700 Kommunen in Europa mit den indigenen Völkern des Amazonasregenwaldes im Ringen um den Klimaschutz und den Erhalt des Regenwaldes vereint. Dresden ist seit 1994 Mitglied im Klima-Bündnis.

Dresden mit komplexer Strategie und Hightech-Branchen als Innovationsmotor

Mit der Mitgliedschaft im Klima-Bündnis bekennt sich die Landeshauptstadt Dresden zu einem konkreten Klimaschutzziel: Bis 2030 sollen alle fünf Jahre die Treibhausgasemissionen der Stadt um zehn Prozent reduziert werden. Die komplexe städtische Klimaschutzstrategie „Energie fürs Klima. Dresden schaltet.“ zeigt, wo Strom, Wärme und Kraftstoff eingespart oder effizienter eingesetzt und wo erneuerbare Energien angewendet werden können. „Diese Strategie zielt nicht nur auf die Reduzierung von Treibhausgasen, sondern umfasst ein gesamtstädtisches System an Energie- und Kosteneffizienz für einen attraktiven Wohn- und Wirtschaftsstandort“, sagt Dirk Hilbert, amtierender Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.

Mit den Erfordernissen des Klimaschutzes ergeben sich für die sächsische Wirtschaft durchaus Potenziale. Hinter den barocken Kulissen von Elbflorenz tüftelt ein Hightech-Standort mit Exzellenzuniversität an intelligenten Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft. „Als starker Wirtschafts- und vor allem Hightech-Standort agiert die Stadt vor allem in der Mikroelektronik-, Nanotechnologie- und Life Sciences-Branche auf internationalem Spitzenniveau. Auf diesem fruchtbaren Boden entstehen zahlreiche Ideen. Unsere Klimaschutzstrategie enthält einen soliden Katalog von Maßnahmen. Setzen wir diesen gemeinschaftlich um, sind wir bis 2030 auf gutem Weg“, so Hilbert weiter. Dresdens exzellente Wissenschaftseinrichtungen schaffen die Grundlagen für klimafreundliche Energietechnologien. Unternehmen und Forschungseinrichtungen gelingt es immer besser, Innovationen in Produkte umzusetzen, die am Markt erfolgreich sind.

Energiewende in der Praxis: Dresdner Erfolgsbeispiele für Smart Energy und Smart Mobility

Die sächsische Landeshauptstadt verfügt auf den Fachgebieten Energieversorgung, Mobilität und intelligente Technologien bereits heute über sehr gute praxiserprobte Ansätze. Das 2013 verabschiedete Integrierte Energie- und Klimakonzept der Stadt, kurz IEuKK, umfasst 31 konkrete Klimaschutzmaßnahmen. Sie betreffen die Bereiche Wohnwärme, Industriestromverbrauch und den Verkehr und werden unter den Voraussetzungen realisiert, wirtschaftlich machbar, sozial verträglich und ökologisch sinnvoll zu sein.

Eine Maßnahme ist der Ausbau des Fernwärmenetzes. Es wird von sieben Kraftwerken des lokalen Versorgers DREWAG – Stadtwerke Dresden GmbH gespeist, die gleichzeitig Strom und Wärme produzieren. Dank Kraft-Wärme-Kopplung verursacht eine Kilowattstunde des Stroms ein gutes Viertel weniger Kohlendioxid als der bundesdeutsche Durchschnitt. Die gleichzeitig erzeugte Wärme speist das 500 Kilometer lange Dresdner Fernwärmenetz. Es versorgt 120 000 Haushalte und 5700 Geschäftsgebäude mit Wärme zum Heizen und zur Warmwasserbereitung. Der seit 2010 um etwa fünf Prozent gestiegene Fernwärmeabsatz entlastet damit die städtische Treibhausgasbilanz um jährlich rund 10 000 Tonnen.

„Eine Besonderheit ist unser Innovationskraftwerk in Dresden-Reick. Es verbindet sowohl fossile als auch erneuerbare Energieerzeugungsanlagen mit der Speicherung von Strom und Wärme“, erklärt Dr. Tilman Werner, Abteilungsleiter Neue Energien der DREWAG. Dieses Kraftwerk beinhaltet Sachsens ersten kommerziellen Batteriespeicher, der als Primärregelanlage für das öffentliche Stromnetz eingesetzt wird. „Damit wird ein Beitrag für die Versorgungssicherheit geleistet und weniger Kohlendioxid emittiert, da must-run-Kapazitäten konventioneller Kraftwerke ersetzt werden“, so Werner.

Das Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI kann auf langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Begleitung des Einsatzes von Hybrid- und Elektrobussen verweisen. Stand vor wenigen Jahren noch die Hybridtechnologie im Zentrum des Interesses, sind es heute vor allem rein elektrische Antriebskonzepte, die in den praktischen Einsatz überführt werden. Bereits seit November 2014 läuft in Kooperation mit der Dresdner Verkehrsbetriebe AG (DVB) der Praxistest eines schnellladefähigen Elektrobusses im Linienbetrieb – hervorgegangen aus dem Projekt "Elektromobilitätsdemonstration Dockinganwendung“ (EDDA). Mittels hoher Ströme und einem Stromabnehmer auf dem Dach kann der 85 Kilowattstunden starke Lithium-Ionen-Akku innerhalb weniger Minuten nachgeladen werden. Der Elektrobus ist anschließend in der Lage, eine Distanz von 30 Kilometern zu absolvieren. Durch extrem kurzzeitige Pulsladungen mit sehr hoher Leistung von über 500 Kilowatt an Haltestellen ließe sich die Streckenlänge auch mit noch kleineren, preiswerten Energiespeichern nahezu beliebig erweitern.

Prof. Matthias Klingner, Institutsleiter am Fraunhofer IVI, setzt seit Jahren vor allem auf die Einführung elektrischer Antriebstechnologien im ÖPNV: „Elektrobussen gehört die Zukunft. Ich bin mir sicher, dass sich diese emissionslose Technologie im öffentlichen Personennahverkehr weit schneller durchsetzen wird als im automobilen Bereich.“ Um effiziente Elektromobilität auch in Dresdens Behörden besser zu etablieren, arbeitet das Fraunhofer IVI gemeinsam mit der Landeshauptstadt und anderen Projektpartnern im Rahmen des Projektes „EmiD“ an intelligenten Dispositions- und Ladesystemen.

Siemens AG: Intelligentes und umweltfreundliches Energiemanagement für Städte

An weltweit neuen Lösungen zur intelligenten Energieerzeugung sowie Energiemanagement arbeitet auch Siemens. Auf dem Campus der Universität Genua im norditalienischen Savona hat das Unternehmen gemeinsam mit den Forschern der Hochschule ein Stromversorgungsnetz aus konventionellen und erneuerbaren Erzeugungsanlagen aufgebaut. „Ziel war es, ein Microgrid-Konzept für Städte zu entwickeln“, sagt Dr. Bernd Koch, General Manager Micro Grid Energy Automation in der Siemens-Division Energy Management. „Und das Konzept ist erfolgreich: Das autarke Microgrid integriert nicht nur die Erzeugung von Strom und Wärme aus Photovoltaik, Gasmikroturbinen und Concentrated Solar Power Systems. Es speichert zudem die elektrische Energie in einem Batteriespeicher, kühlt durch einen Absorptionskühler und optimiert die Erzeugung über ein Software-Managementsystem auf Basis der Lastvorhersage und der Wettervorhersage.“ Das System ist seit 2014 in Betrieb und ermöglicht Einsparungen von 120 Tonnen CO2 im Jahr. „Damit hat es nicht nur Modellcharakter für ein dezentrales Energiesystem der Zukunft, sondern könnte auch die Blaupause für ein künftiges Microgrid in Dresden sein“, so Koch weiter.

* Klima-Bündnis der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder e. V. ist das größte Städtenetzwerk, das sich für Klimaschutz und den Erhalt der Tropenwälder einsetzt. Seit 1990 unterstützt das Klima-Bündnis die mittlerweile über 1.700 Mitglieder in 25 europäischen Ländern bei der Erreichung ihrer Selbstverpflichtung, den CO2-Ausstoß alle fünf Jahre um zehn Prozent zu senken und die Pro-Kopf-Emissionen bis spätestens 2030 (Basisjahr 1990) zu halbieren. Zum Erhalt der tropischen Regenwälder kooperiert das Klima-Bündnis mit indigenen Völkern der Regenwälder.

Weitere Informationen zum Programm der Jahreskonferenz sowie Anmeldung: